Wenn der Muezzin die Vereinshymne jodelt

Translating…

„Wenn mehr Tennisvereine einen zweiten Grill hätten, dann hätte bestimmt schon ein Moslem den Grand Slam gewonnen!“ Eine steile, man möchte fast sagen: gewagte These, die der nobel ergraute Werbetexter Torsten Pfaff da zwischen Trophäenregalen und gut bestücktem Buffet-Tisch in den Raum stellt.

Allerdings muss man festhalten, dass es sein Kurzschluss zwischen Brutzelgeräten und dem sportlichen Erfolg von Religionsgruppen im aktuellen Irrsinns-Ranking der Versammlung nicht mal auf die vorderen Plätze schafft.

Torstens Vereinskamerad Matthias Scholz hat kurz zuvor die drohende Islamisierung des TC Lengenheide beschworen: „Tennis und Grillen mit Kopftuch? Und der Muezzin jodelt unsere Vereinshymne?“ Die Kirche oder auch Moschee doch bitte mal im Dorf zu lassen, wäre sicherlich ratsam. Scheint angesichts der aus dem Ruder gelaufenen Diskussion allerdings so vergebens wie die mehrfache „Fairplay!“-Mahnung des Ischias-geplagten Vorsitzenden Heribert Bräsemann.

Das Stück „Extrawurst“ des Autorenduos Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob (die beide Comedy-Meriten mit Formaten wie „Pastewka“ oder „Stromberg“ verdient haben) ist auf dem Weg zum bundesweiten Bühnen-Hit. Wenig erstaunlich.

Schließlich beschwört ihre Komödie im Dialogtempo eines ansehnlichen Wimbledon-Matches eine vergnügliche Provinzposse herauf. Die folgt der Eskalationslogik der gegenwärtig grassierenden Empörungshysterie. Und behält auch in Guntbert Warns’ Inszenierung amRenaissance-Theaterihren beißfreudigen Witz.

Das Schwein ist dem Deutschen heilig

Alles entzündet sich an der Grillfrage. Melanie Pfaff (Simone Thomalla), Ehefrau des erwähnten Werbers Torsten (Christoph M. Ohrt) und Doppel-Partnerin des türkischstämmigen Vereinsmitglieds Erol Oturan (Atheer Adel), sprengt unbeabsichtigt die Vereinssitzung des TC Lengenheide. Mit ihrem Vorschlag, einen Zweitgrill anzuschaffen, der mit Rücksicht auf die Essgebote bestimmter Religionen schweinefrei bleiben soll. Bis zum Eklat vergeht ungefähr die Zeit, in der man „Tiebreak“ sagen könnte.

[„Extrawurst“ im Renaissance-Theater wieder am 17.–22., 25. 26.12.]

Wenn die sogenannten Integrationsdebatten uns eines gelehrt haben, dann dies: Das Schwein ist dem Deutschen heilig. Da spielt es auch keine Rolle, dass Erol als (anfänglich) Entspanntester in der Runde sich absolut keinen zweiten Grill wünscht.

Schon mehr ins Gewicht fällt die Enthüllung, dass der Mann zu Hause das hochpreisige Super-Power-Gerät XQ 3200 inklusive Warmhaltebereich besitzt. Ob Freud schon den Grillgrößen-Neid kannte?

Rassismus verkleidet als Verständnis für fremde Kultur

„Extrawurst“ lässt in der Folge die mühsam gedeckelten Ressentiments sowie den als Verständnis für die fremde Kultur verkleideten Rassismus aufseiten der Biodeutschen durch die getäfelte Decke des Vereinsheims schießen. Besonders Matthias (Hansa Czypionka) kann schwer verhehlen, dass ihm das Gebrutzel von „Türkenwurst“ nicht geheuer ist.

Der Vereinsvorsitzende Bräsemann (Felix von Manteuffel) ist dagegen mehr mit dem persönlichen Machterhalt befasst und muss sich Erdogan- und Putin-Vergleiche gefallen lassen. Wohingegen die Eheleute Melanie und Torsten Pfaff coram publico ein privates Eifersuchtsdrama in mehreren Sätzen austragen. Bedenkliche Hitze überall.

Okay, dass Erol sich schließlich als Rechtester der Runde entpuppt, zählt zu den angestrengteren Bemühungen des Stücks, nicht politisch korrekt zu werden. Insgesamt liegt der Fokus auf dem Krampf, den die Mehrheitsgesellschaft mit dem Aushalten vermeintlicher Verschiedenheiten hat.

In seiner Bauart erinnert „Extrawurst“ an Ingrid Lausunds Moralbürgerfarce„Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“. Und hält dem Vergleich in puncto Unterhaltungswert stand. Merke: Nichts wird so heiß gegrillt, wie es debattiert wird.

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