Wasserwahn en Bad Vilbel: Besuch im Brunnen- und Bädermuseum

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Der erste Eindruck: lauter Flaschen. Venus-Quelle, Siegfried-Quelle, Hassia-Rot Brauselimonade, Elfen-Quelle. Im Brunnen- und Bädermuseum Bad Vilbel dreht sich alles um den unterirdischen Schatz der Stadt, das Sprudelwasser. Wer die leider nur sonntags geöffnete Ausstellung in dem Fachwerkhaus am Marktplatz besucht, wird linkerhand zuerst mit der längst vergangenen Fülle der Brunnenbetriebe vertraut gemacht und erfährt, dass die in den fünfziger und sechziger Jahren florierenden Unternehmen Arbeiter mit firmeneigenen Bussen morgens aus dem Vogelsberg abholten und abends wieder nach Hause brachten.

Werner D’Inka

Die erste Erwähnung eines Vilbeler Sauerbrunnens stammt aus dem Jahr 1552. Wegen günstiger geologischer Umstände kann Mineralwasser in der südlichen Wetterau gut durch Gesteinsschichten emporsteigen, Kohlenstoffdioxid ließ es stellenweise sogar bis zu acht Meter hoch in die Luft springen.

„Die Vilbeler Wasserbauern ersaufen“

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand ein Wirtschaftszweig, als Familien rund um das Vilbeler Rathaus Brunnen zu erschließen begannen. Und während es in Amerika einen Goldrausch gab, kam es in Vilbel zu einem Wasserwahn: Viele bohrten, wo sie nur konnten, bald gab es 28 Brunnen. Das gefiel den etablierten Betrieben nicht, sie klagten gegen die Wildbohrer, die zwar verurteilt, aber nur milde bestraft wurden. In den Sparkling Twenties übernahmen sich zudem viele mit Investitionen, was die örtliche Zeitung zu der Schlagzeile veranlasste: „Die Vilbeler Wasserbauern ersaufen – in Schulden.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Vilbel 21 selbständige Brunnenbetriebe, bis in den sechziger Jahren eine Konzentrationswelle einsetzte. Manche Betriebe schlossen, andere wurden übernommen. So sprudeln heute unter anderen Elisabethen-Quelle, Bad Vilbeler Urquelle, Römerbrunnen und Rosbacher als Markennamen unter dem gemeinsamen Dach der Hassia-Gruppe.

In Vilbel wurde in heilendem Wasser einst auch gebadet. Der Unternehmer Carl Brod richtete um 1900 sieben Badezellen ein, in denen Patienten in Wannen aus Holz – eine ist in der Ausstellung zu sehen – in bis zu 35 Grad warmem Wasser Linderung suchten. Das „Sprudelbad Vilbel“ versprach „vorzügliche Heilerfolge bei Frauen-, Herz-, Nerven- und Nierenleiden, Blasen- und Rückenmarksleiden, Rheumatismus, Lähmungen, Gicht, Ischias, Neuralgie, Blutarmut und dergleich mehr“.

1936 wurde die Stadt als „Fremdenverkehrsgemeinde mit Heilbad“ anerkannt, seit 1948 – damals wurde auch das Kurhaus eröffnet – darf sie sich „Bad Vilbel“ nennen. Mit den Jahren ging das Badewesen allerdings den Bach hinunter. Es war schon 1962 praktisch passé, als die Ruhrknappschaft die Verschickung nach Bad Vilbel einstellte, auch wenn das Kurheim „Haus Margarete“ an der Parkstraße noch bis 1979 weiterbestand.

Der Brunnen- und Bädermuseum, Marktplatz 3 (neben dem Alten Rathaus) in Bad Vilbel. Sonntags von 12 bis 18 Uhr geöffnet, freier Eintritt.

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